Droht kranken Zierfischen künftig eine Versorgungslücke?
Wie das neue Tierarzneimittelrecht die Behandlung von Koi, Goldfischen und Aquarienfischen massiv erschweren könnte
Von Dr. Achim Bretzinger, Fachtierarzt für Fische
Wer einen Hund hält, erkennt meist schnell, wenn es ihm schlecht geht. Der Hund winselt, humpelt oder verweigert das Futter. Bei Fischen ist das grundsätzlich nicht anders – auch sie zeigen Veränderungen, wenn etwas nicht stimmt. Allerdings muss man lernen, diese Zeichen zu erkennen und „lesen“ zu können. Unter der Wasseroberfläche läuft vieles deutlich ruhiger und subtiler ab. Veränderungen im Schwimmverhalten, in der Atmung, der Körperhaltung oder im Sozialverhalten fallen vielen Tierbesitzern zunächst gar nicht auf. Oft werden Krankheitsanzeichen erst spät erkannt, obwohl die Fische bereits länger belastet sind. Genau deshalb ist ein geschulter Blick in der Fischmedizin so wichtig – denn je früher Probleme erkannt werden, desto größer ist die Chance auf eine erfolgreiche Behandlung.
Aus meiner Sicht als praktizierender Fisch-Tierarzt entwickelt sich derzeit jedoch ein ernstes Problem für die Versorgung von Koi, Goldfischen und Aquarienfischen: Durch die neue europäische Tierarzneimittelgesetzgebung droht ausgerechnet bei Zierfischen eine gefährliche Versorgungslücke. Nicht, weil niemand Tiere behandeln möchte. Nicht, weil Tierhalter verantwortungslos wären. Sondern weil die rechtlichen Anforderungen für viele Arzneimittel deutlich strenger geworden sind, während gleichzeitig nur wenige spezialisierte Fisch-Tierärzte und nur sehr wenige speziell zugelassene Medikamente existieren.
Das Ziel der neuen Regelungen ist grundsätzlich richtig und wichtig, das darf ich voranstellen und mit allem Nachdruck betonen. Antimikrobiell wirksame Arzneimittel sollen kontrollierter eingesetzt werden, um die Entwicklung gefährlicher Resistenzen einzudämmen. Antibiotika und andere antimikrobiell wirksame Wirkstoffe dürfen nicht leichtfertig oder wahllos verwendet werden. Jeder Mediziner weiß, wie ernst das Problem zunehmender Resistenzen mittlerweile geworden ist – sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin. Niemand kann ein Interesse daran haben, dass lebenswichtige Wirkstoffe langfristig ihre Wirksamkeit verlieren.
Doch gute Ziele allein garantieren noch keine gute praktische Umsetzung. Und genau hier beginnt das Problem.

Mit der Verordnung (EU) 2019/6 über Tierarzneimittel, die seit dem 28. Januar 2022 unmittelbar in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union gilt, wurde das Tierarzneimittelrecht umfassend neu geregelt. Die Verordnung betrifft Herstellung, Zulassung, Verschreibung, Abgabe und Anwendung von Tierarzneimitteln. Besonders relevant ist dabei die deutlich strengere Behandlung antimikrobiell wirksamer Präparate.
Der Begriff „antimikrobiell“ umfasst dabei nicht nur klassische Antibiotika gegen Bakterien. Nach Art. 4 der Verordnung gehören hierzu grundsätzlich auch Wirkstoffe gegen Pilze, Viren oder Protozoen – also Einzeller, die gerade in der Fischmedizin eine erhebliche Rolle spielen. Damit betrifft die neue Rechtslage zahlreiche Präparate, die in der Aquaristik und Koihaltung seit Jahrzehnten verwendet werden, in jedem Zoofachhandel verfügbar sind und - nach eingehender Beratung durch das Fachpersonal angewendet - vielen Zierfischen das Leben gerettet haben.
Viele Tierhalter bemerken die Tragweite dieser Änderungen bislang kaum. Noch sind zahlreiche Produkte verfügbar, die man aus dem Zoofachhandel kennt. Doch genau hier läuft eine wichtige Übergangsfrist: Nach § 92 Abs. 2 Tierarzneimittelgesetz (TAMG) dürfen bestimmte Präparate, die vor Inkrafttreten der neuen Rechtslage rechtmäßig in Verkehr gebracht wurden, noch bis zum Januar 2027 weiter auf dem Markt bereitgestellt werden. Danach kann sich die Situation erheblich verändern.
Und genau diese Entwicklung bereitet mir große Sorgen.
Denn gerade die Fischmedizin unterscheidet sich grundlegend von vielen anderen Bereichen der Tiermedizin. Ein kranker Koi kann nicht einfach in wenigen Minuten in eine Tierarztpraxis gebracht werden wie ein Hund oder eine Katze. Große Koi wiegen teilweise viele Kilogramm, sind empfindlich gegenüber Stress und Transport und leben häufig in komplexen biologischen Systemen mit tausenden Litern Wasser. Schon das Einfangen eines schwer kranken Tieres kann den Zustand massiv verschlechtern. Bei kleinen Aquarienfischen wiederum sind oft ganze Bestände gleichzeitig betroffen. Dort zählt manchmal jeder einzelne Tag.
Krankheiten wie die Weißpünktchenkrankheit (Erreger Ichthyophthirius multifiliis), bakterielle Hautentzündungen, Kiemenerkrankungen oder Pilzinfektionen können sich innerhalb kürzester Zeit ausbreiten. Viele erfahrene Aquarianer erkennen typische Symptome frühzeitig selbst. Sie sehen Veränderungen im Verhalten, erkennen Atemprobleme, Scheuern, Flossenklemmen oder charakteristische Hautveränderungen. Genau dieses schnelle Reagieren war bisher oft entscheidend, um größere Verluste zu verhindern.
Künftig könnte die Situation deutlich komplizierter werden.
Denn “antimikrobiell wirksame Tierarzneimittel” unterliegen nach der neuen Rechtslage grundsätzlich strengeren Anforderungen und vielfach der Verschreibungspflicht. Für Tierhalter bedeutet das im Ergebnis: Der einfache spontane Zugriff auf bestimmte Präparate wird erheblich eingeschränkt oder entfällt vollständig. Gleichzeitig existieren in Deutschland nur sehr wenige Tierärztinnen und Tierärzte mit echter Spezialisierung auf Fische. Das ist keine polemische Zuspitzung, sondern praktische Realität.
Während in vielen Regionen problemlos Kleintierpraxen erreichbar sind, existieren für Fischpatienten oft enorme Versorgungslücken. Hausbesuche an Koiteichen sind zeitaufwändig und logistisch schwierig. Fischmedizin erfordert zudem Spezialwissen, das weit über allgemeine tiermedizinische Kenntnisse hinausgeht. Wasserchemie, Mikroskopie, Fischphysiologie, Besatzdichte, Filtertechnik und infektiöse Bestandsprobleme spielen gleichzeitig eine Rolle. Genau deshalb gibt es nur wenige Praxen, die sich intensiv auf diesen Bereich spezialisiert haben.
Hier entsteht nun ein gefährlicher Widerspruch:
Auf der einen Seite werden die Anforderungen an die Arzneimittelanwendung strenger. Auf der anderen Seite fehlt vielerorts die praktische Infrastruktur, um diese Anforderungen zeitnah umzusetzen.
Natürlich existieren rechtliche Ausweichmöglichkeiten. Die sogenannte Umwidmungskaskade nach der EU-Verordnung erlaubt Tierärztinnen und Tierärzten unter bestimmten Voraussetzungen den Einsatz von Arzneimitteln außerhalb der eigentlichen Zulassung, wenn keine geeigneten Präparate verfügbar sind. Doch diese Kaskade ist keine einfache Universallösung.
Denn viele Arzneimittel anderer Tierarten sind für die Anwendung im Wasser schlicht ungeeignet. Manche lösen sich schlecht, andere sind für Fische unverträglich oder toxisch, wieder andere belasten das biologische Gleichgewicht eines Teiches oder Aquariums massiv. Hinzu kommen komplexe rechtliche und fachliche Verantwortlichkeiten. Der behandelnde Tierarzt trägt bei solchen Anwendungen eine enorme Verantwortung hinsichtlich Wirksamkeit, Verträglichkeit, Umweltrisiken und Dokumentation.
In der öffentlichen Diskussion wird häufig unterschätzt, wie speziell die Fischmedizin tatsächlich ist.
Ein Medikament, das bei einem Hund problemlos funktioniert, kann bei Fischen völlig unbrauchbar sein. Wasser ist kein neutraler Verabreichungsweg, sondern ein biologisch hochkomplexes Milieu. Temperatur, pH-Wert, Härtegrad, Sauerstoffgehalt, organische Belastung und Filterbiologie beeinflussen Wirkung und Verträglichkeit vieler Substanzen erheblich. Gleichzeitig müssen nicht nur einzelne Tiere, sondern oft ganze Systeme betrachtet werden.
Dazu kommt ein weiteres Problem:
Der Markt für Zierfischarzneimittel ist wirtschaftlich klein.
Für große Pharmaunternehmen lohnt sich die Entwicklung speziell zugelassener Fischpräparate häufig kaum. Die Entwicklung und Zulassung eines Tierarzneimittels verursacht enorme Kosten. Pharmakologische Untersuchungen, Wirksamkeitsnachweise, toxikologische Daten, Stabilitätsprüfungen und regulatorische Anforderungen verschlingen schnell sehr hohe Summen. Für kleine Hersteller im Aquaristikbereich ist das oft wirtschaftlich nicht darstellbar.
Viele Präparate, die sich über Jahrzehnte in der Aquaristik etabliert haben, stammen gerade nicht von internationalen Pharmakonzernen, sondern von spezialisierten Nischenanbietern. Genau diese Produkte geraten nun besonders unter Druck.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, wahllosen Medikamenteneinsatz zu verteidigen. Im Gegenteil: Auch in der Fischmedizin wurden in der Vergangenheit teilweise Medikamente zu schnell oder unsachgemäß eingesetzt. Resistenzvermeidung ist wichtig. Diagnostik ist wichtig. Verantwortungsvolle Anwendung ist wichtig.
Aber:
Zwischen sinnvoller Regulierung und praktischer Nichtbehandelbarkeit liegt ein großer Unterschied.
Und genau diese Grenze droht bei Zierfischen überschritten zu werden.
Besonders kritisch sehe ich die Situation bei Erkrankungen, die sich explosionsartig im Bestand ausbreiten können. Wer einmal erlebt hat, wie ein wertvoller Koibestand innerhalb weniger Tage schwer erkrankt, versteht, warum Zeit in der Fischmedizin ein entscheidender Faktor ist. Wenn Tierhalter künftig zunächst verzweifelt versuchen müssen, geeignete tierärztliche Hilfe zu finden, während gleichzeitig bewährte Präparate vom Markt verschwinden, entsteht nicht mehr Sicherheit – sondern im schlimmsten Fall vermeidbares Tierleid.
Hinzu kommt ein psychologischer Effekt, über den kaum gesprochen wird:
Wenn legale und praktikable Behandlungsmöglichkeiten verschwinden, steigt die Gefahr problematischer Ausweichreaktionen. Tierhalter könnten versucht sein, ungeeignete Produkte aus dem Ausland zu beziehen, dubiose Internetangebote zu nutzen oder gefährliche Eigenbehandlungen vorzunehmen. Genau das kann weder im Sinne des Tierschutzes noch im Sinne einer verantwortungsvollen Arzneimittelpolitik sein.
Deshalb braucht es jetzt eine sachgerechte und praxisnahe Lösung.
Die bestehenden rechtlichen Spielräume für Heimtierarzneimittel müssen konsequent geprüft und genutzt werden. Gleichzeitig braucht es realistische Übergänge für bewährte Präparate, sofern deren Risiken vertretbar sind.
Auch telemedizinische Konzepte müssen – innerhalb des rechtlich Zulässigen – künftig eine größere Rolle spielen. Viele engagierte Koihalter verfügen heute über erstaunlich gute Kenntnisse in Wasseranalytik und Mikroskopie. Dieses Wissen sollte sinnvoll eingebunden werden, statt die Versorgung praktisch unmöglich zu machen. Denn was bringt es dem versierten Tierhalter, wenn er z. B. einen starken Hautwurmbefall ganz einfach diagnostizieren kann mit seinem Mikroskop, dieses im Rahmen der Telemedizin mit dem Fischtierarzt besticht, jener ihm aber kein Wurmmittel verschreiben darf? Da hinkt die Gesetzgebung seit Jahren der Realität hinterher.
Ebenso wichtig ist jedoch ein Umdenken bei den Haltern selbst.
Je schwieriger der Zugang zu Medikamenten wird, desto wichtiger werden Prävention und Biosicherheit. Quarantäne neuer Fische, sorgfältige Herkunftsauswahl, stabile Wasserqualität und frühzeitige Diagnostik gewinnen massiv an Bedeutung. Wer neue Koi ohne Quarantäne in einen wertvollen Bestand setzt, geht künftig ein noch größeres Risiko ein als bisher. Mein Alltag, insbesondere in den Monaten Mai und Juni, besteht darin akut erkrankten Fischen das Leben zu retten, weil die Besitzer unvorsichtigerweise neue Tiere einfach so in den Bestand gesetzt haben. Das wird zukünftig immer mehr zu einer Art russischem Roulette.
Die Diskussion darf dabei nicht ideologisch geführt werden. Niemand fordert eine unkontrollierte Freigabe starker Medikamente. Aber es muss möglich bleiben, kranke Fische fachgerecht und zeitnah zu behandeln.
Fische sind fühlende Lebewesen. Auch wenn sie still leiden, haben sie Anspruch auf eine vernünftige medizinische Versorgung. Ein modernes Tierarzneimittelrecht darf deshalb nicht nur regulatorisch sauber sein – es muss auch praktisch funktionieren.
Wenn die Politik hier nicht rechtzeitig nachsteuert, könnte aus einem gut gemeinten Gesetz ein massives Problem für Millionen Zierfische und ihre Halter entstehen. Nicht aus bösem Willen. Sondern weil die besondere Realität der Fischmedizin bislang zu wenig berücksichtigt wurde.
Dr. Achim Bretzinger, fischdoc.de